Ferdinand Adolph Lange

1815 - 1875
 

A. Lange & Söhne bei Weltderuhren.euDie Geschichte des Ferdinand Adolph Lange handelt von Uhren. Und von Menschen. Von denen, die Produkte von Weltruf machten und von solchen, denen er als begnadeter Lehrer diese Fähigkeit erst beibrachte. Kaum eine andere Lebensleistung ist so gut und so gewissenhaft dokumentiert wie die von Adolph Lange. Das liegt an den außergewöhnlichen Uhren, die seinen oder den Namen seiner Familie tragen.
 
In der Wiege lag dem Sohn des Büchsenmachers Samuel Lange, der am 18. Februar 1815 in Dresden geboren wurde, eine solche Karriere nicht. Bald trennte sich die Mutter von dem als „Mann mit rauhem Charakter“ beschriebenen Vater. Eine andere Familie nahm sich des intelligenten, aber immer etwas schwächlichen Adolph Lange an, förderte ihn und brachte ihn als Lehrling beim damals schon renommierten Hofuhrmacher Johann Christian Friedrich Gutkaes unter. Eine, wie sich bald zeigte, glückliche Entscheidung. Denn dem Meister fiel nach kurzer Zeit nicht nur die überdurchschnittliche manuelle Geschicklichkeit, sondern auch der ungewöhnliche Ehrgeiz des Jungen auf, es weiter zu bringen, als für einen Uhrmacher in Dresden damals üblich.
 
Lange besuchte neben der Lehre die gerade im Aufbau stehende Polytechnische Schule und büffelte in den Abendstunden Englisch und Französisch. Sein Plan stand früh fest, dass er nur in den damaligen Zentren der hochentwickelten Uhrmacherkunst, in Frankreich und England, seine Kenntnisse erweitern werde. Denn die kreative Uhrmacherei, die im Zeitalter der Renaissance im deutschsprachigen Raum – in Nürnberg, Augsburg, Schaffhausen und Straßburg – ihren Platz hatte, war nach London und Paris abgewandert. Im Umfeld glanzvollen höfischen Lebens, aber auch auf der Suche nach immer genaueren Zeitmessern für die militärische wie zivile Seefahrt, erfuhr dort die Uhrmacherei eine nachhaltige staatliche Förderung.
 
Adolph Lange packte 1837, drei Jahre nach seiner Dresdner Lehrzeit, das Bündel, ließ sich von Meister Gutkaes eine Empfehlung in sein Skizzen- und Wanderbuch schreiben, und trat in Paris in die Dienste des berühmten Chronometermachers Josef Thaddäus Winnerl. Dieser war einer der besten Schüler von Abraham Louis Breguet gewesen. Kurzum: Aus einem geplanten Studienaufenthalt wurden drei Jahre, in denen es Lange bis zum Werkführer brachte. Schließlich musste er sogar die Bitte Winnerls ausschlagen, für immer in dessen Betrieb zu bleiben, denn auf seinem Reiseplan standen noch England und die Schweiz.
 
In dieser Zeit füllte sich sein berühmtes Skizzen- und Wanderbuch mit Uhrwerks- und Detailzeichnungen und mathematisch fundierten Verhältnisberechnungen für Räder und Triebe. Langes Tabellen lag konsequent das metrische System auf der Basis des Millimeters zugrunde – das übrigens etwa zur gleichen Zeit auch Antoine LeCoultre in Le Sentier einführte. Adolph Lange war jedenfalls kein Freund des Prinzips von „trial and error“, von Probieren, Irren und Korrigieren, das damals in weiten Teilen noch die uhrmacherische Arbeit bestimmte – und gleichbleibende, reproduzierbare Qualitäten unmöglich machte. Mit der festen Absicht, dies zu ändern, kehrte er in die Kunstuhrenfabrik von Gutkaes zurück, heiratete 1842 dessen Tochter Charlotte Amalie Antonia und wurde Teilhaber und uhrmacherischer Motor im Betrieb des Schwiegervaters. Aus diesem Betrieb kamen damals sehr berühmte Präzisionsregulatoren für Sternwarten einiger Länder. Einer davon, er trägt die Nummer 32 und steht heute im Genfer Musée d'Histoire des  Sciences, gab von einer Schweizer Sternwarte aus dem Uhrenland Schweiz rund 60 Jahre lang die genaue Zeit an.
 
Aber neben seiner Entscheidung für das metrische System und damit für neue mögliche Qualitätsnormen hatte Lange noch eine weitere, entscheidende Erkenntnis aus England und der Schweiz nach Hause zurückgebracht. Sie ist in einem Brief mit seinen Worten festgehalten, den er im Januar 1844 an den sächsischen Geheimen Regierungsrat von Weissenbach schrieb, um erstmals für sein Glashütter Projekt um Unterstützung zu werben. „Mit der gefälligen Form der Schweizer Zylinderuhr vereinige ich die große Dauer und die längst erkannte Genauigkeit der sehr teuren, aber dabei unbequemen englischen Ankeruhr.“ Der legendäre Glashütter Ankergang sollte einmal sein Markenzeichen werden. Und hier wurde auch sein künftiges Arbeitsprinzip deutlich: Er war stets ein Verbesserer und dabei ein Perfektionist. Das Skizzen- und Wanderbuch Adolph Langes gibt davon Zeugnis. Es war übrigens auch der geistige Grundstein für die Gründung der Lange Uhren GmbH im Dezember 1990.
 
Adolph Lange war aber nicht nur ein begnadeter Uhrmacher, dazu ein gebildeter und tief religiöser Mensch, sondern auch ein sozial denkender Mann. Die damals bittere Not im strukturschwachen Erzgebirge, derer die Landesregierung nicht Herr wurde, veranlasste ihn 1844 zum Handeln. Die Geschichte ist vielfach beschrieben, wie er in Briefen, Eingaben und in Gesprächen solange für sein Projekt warb, in Glashütte eine Uhrenfabrikation aufbauen zu können, bis jener bekannte Vertrag mit dem Königlich-Sächsischen Ministerium des Innern in Dresden zustande kam, in dem sich Lange verpflichtete, 15 Jugendliche aus Glashütte innerhalb von drei Jahren zu Uhrmachern auszubilden, während der Staat andererseits ein – rückzahlbares – Darlehen von 6.700 Talern und weiteren 1.120 Talern zur Anschaffung von Werkzeugen bereitstellte. Die Lehrlinge sollten danach weitere fünf Jahre in Langes Betrieb arbeiten und in Wochenraten zu 24 Neugroschen die Kosten ihrer Ausbildung zurückzahlen. Als künftige Uhrmacher traten bei Adolph Lange „1 Malgehilfe, 12 Strohflechter, 4 Dienstburschen, 1 landwirtschaftlicher Gehilfe, 1 Steinbruch- und 1 Winzerarbeiter" an, wie das erste Mitarbeiterverzeichnis ausweist.
 
Einige der „Naturburschen“ musste er nach kurzer Probezeit mangels Eignung zwar wieder gehen lassen, die anderen aber hielten durch und bildeten den Stamm seiner ersten Mannschaft, den er in kurzer Zeit auf 30 Berufsanfänger erweiterte. Am Anfang stand ihm – außer seinem Schwager Adolf Schneider – kaum qualifiziertes Personal zu Verfügung.
 
Aufschwung in Glashütte
 
Glashütte, das verarmte Nest mit Stadtrecht seit 1506, das 1845 seine frühere Blüte als Bergwerksort aufgrund der silberhaltigen „Glaserz“-Funde längst hinter sich hatte, war lediglich durch die einmal wöchentlich verkehrende Postkutsche und eine kaum befahrbare Straße mit der Welt verbunden. Wenn der des Lesens unkundige Kutscher kam, leerte er den Sack aus, und jeder konnte sich seine Post heraussuchen. Gänsetümpel und Misthaufen prägten das Ortsbild. Lange richtete die erste Werkstätte ein, unterwies seine Lehrlinge, baute eine erste Produktion auf, konstruierte gleichzeitig bessere Maschinen für die präzise Teilefertigung, führte die Korrespondenz und erledigte die Buchhaltung. Die Tochter Emma berichtete von gelegentlichen Zusammenbrüchen des bis spät nachts arbeitenden Mannes, der sein ganzes Vermögen, das seiner Frau und sogar Preisgelder für uhrmacherische Auszeichnungen in den immer wieder bedrohten Anfang steckte.
 
Doch sein weitsichtiges Konzept nahm Gestalt an: Neben seiner eigenen Firma wuchsen in Glashütte, dessen Infrastruktur Adolph Lange auch als Bürgermeister 18 Jahre lang entscheidend verbesserte, viele kleine Spezialwerkstätten für Steine-, Schrauben-, Räder-, Federhaus-, Unruh- oder Zeigerherstellung. Gehäusemacher, Vergolder, Guillocheure und drei weitere Manufakturen, die ihm teilweise zuarbeiteten, entstanden mit seiner Förderung, oft gegründet von Leuten, die zuvor durch seine Ausbildung gegangen waren. Hunderte von sicheren und gutbezahlten Arbeitsplätzen wandelten die Not bald in bescheidenen Wohlstand. Langes Betrieb, dessen Belegschaft selten 100 Beschäftigte überstieg, blieb der Nukleus der deutschen Feinuhrmacherei, die in und um Glashütte aufwuchs. Mit der von seinem schreibgewandten, theoriefreudigen Freund Moritz Grossmann („Der freie Ankergang“) 1878 initiierten „Deutschen Uhrmacherschule“ (DUS) nabelte sich Glashütte sowohl in der praktischen wie auch theoretischen Ausbildung seines Nachwuchses völlig von der Schweiz oder Frankreich ab und festigte seinen Ruf als deutsches Zentrum der Feinuhrmacherei.
 
Als Adolph Lange am 3. Dezember 1875 mit nur 60 Jahren überraschend starb, hinterließ er seinen Söhnen und Enkeln nicht nur einen florierenden Betrieb und eine stolze Reihe internationaler Auszeichnungen, sondern der Region Glashütte eine sichere wirtschaftliche Zukunftsperspektive. Die Stadt hat ihm dafür ein Denkmal gesetzt. Adolph Lange hat die Feinuhrmacherei nach Deutschland zurückgeholt und grundlegend reformiert. Seine Konstruktionen mit erstmals exakt berechneten Laufwerksteilen, einem neuen Gestellaufbau mit Dreiviertelplatine, der speziellen Glashütter Ankerhemmung und Kompensationsunruh, Feinreguliereinrichtungen oder Spiralen mit speziellen Endkurven repräsentieren den höchsten Standard der Uhrenfertigung. Die Präzisionsuhren von „A. Lange & Söhne“, darunter Stücke von größter Kompliziertheit, die heute bei Auktionen Höchstpreise erzielen, bewahren für den Liebhaber der mechanischen Zeitmessung die Philosophie eines Mannes, der Uhrengeschichte, aber auch ein Stück sächsische Geschichte mitgeschrieben hat. Die neuen Uhren mit dem Signet „A. Lange & Söhne“ aus Glashütte tragen diesen hohen Anspruch in die Zukunft weiter.
 
 
Diese Seite ...
einem Freund empfehlen